Das Laufabenteuer 2014 “La Ultra – The High” in Ladakh, Nordindien

Ladakh - Traumlandschaft zwischen Karakorum und Himalaya

Es ist der 15. Februar 2013. Ich sitze überglücklich im Downtown Hotel von Dawson City in Nord Kanada. Draußen ist es bitter kalt und die – 30 Grad fühlen sich hier an der Hotelbar um einiges besser an, als die Tage zuvor beim Yukon-Arctic-Ultra, dem Lauf meines Lebens! 725 Kilometer durch die Wildnis und Kälte des Yukon werden mir ewig in Erinnerung bleiben und vielleicht auch meinem Leben den ein oder anderen “Kick” in eine andere Richtung geben. In welche Richtung ist mir nicht klar und diese Gedanken will ich mir auch nicht machen. Viel zu lustig und unterhaltsam ist die Runde der Läufer, die sich einige “Finisherbiere” einverleiben. Die ausgezehrten Körper reagieren ziemlich schnell auf den Alkohol und so kommen wir schnell auf Träume von neuen, faszinierenden, Rennen. Mark Hines, der absolute Läuferstar, sitzt neben mir und erzählt von einem Lauf, der ihn noch mehr gefordert hat, als die vergangenen 725 Kilometer. Ein Rennen im Nordwesten Indiens, zwischen dem Karakorum und dem Himalayagebirge. Dabei müssen auf einer Strecke von 222 Kilometern die beiden höchsten befahrbaren Pässe der Welt bezwungen werden. Da war es wieder, das Läufervirus. “La Ultra – The High”….dieser Name hatte sich somit in mein Gehirn eingebrannt und war einfach nicht mehr zu entfernen. Nachdem auch die letzten Gedanken an die Entbehrungen und Schmerzen des Yukon-Arctic-Ultra dem oberbayerischen Frühsommer gewichen waren, machte ich mich auf der Homepage von “The High” mit den Fakten vertraut. Für mich unvorstellbar, auf einer Höhe von bis zu 5.600 Metern ein Rennen zu laufen. Aber es war ja auch unvorstellbar, die Strecke von 725 Kilometern im Winter Kanadas zu bewältigen. Nach ein paar Mausklicken war die Anmeldung perfekt. Das erforderliche Betreuerteam war schnell gefunden. Meine Frau und meine Tochter sollten mich im August 2014 nach Ladakh begleiten. Ladakh zu bereisen, war ein lang gehegter Traum von mir, der sich nun in Verbindung mit meiner Teilnahme an “The High” erfüllen sollte. Wie schon in Kanada vermutet, änderte sich so einiges in meinem Leben. Ich fasste den Entschluss, aufgrund meiner beruflichen Erfahrungen und auch der Lehren, die ich aus den vielen sportlichen Extremsituationen ziehen konnte, stark genug für einen neuen Schritt zu sein. Ich kandidierte für das Amt des Bürgermeisters in meinem Heimatort Ohlstadt. Tatsächlich war es am 01.05.2014 soweit und ich durfte meinen Platz im Rathaus einnehmen. Schnell stellte sich die Frage, wie ich das Training für “The High” und die berufliche Änderung unter einen Hut bringen konnte. Letztendlich fühlte ich mich nach frühen Morgenläufen sowie langen Strecken an den Wochenenden gut gerüstet um nach Indien zu fliegen. Glücklicherweise musste ich nicht, wie im Jahr zuvor beim Training für den Yukon-Arctic-Ultra, einen Reifen hinter mir her ziehen! Das wäre wohl zu viel des Guten gewesen….(schau´ mal den Bürgermeister an…). Anfang August war es dann endlich soweit. Von München ging´s über Abu Dhabi nach New Delhi, das uns im Monsun mit unglaublichen Temperaturen von 38 Grad und extrem hoher Luftfeuchtigkeit empfing. Bereits am nächsten Morgen flogen wir weiter zwischen Karakorum und Himalaya nach Leh, der Hauptstadt Ladakhs. Atemberaubende Bergriesen, wie Nanga Parbat und K2, konnten wir in der Ferne entdecken und staunten über die Veränderung der Landschaft. Aus Eisflächen wurde Steinwüsten und schnell konnten wir einzelne Dörfer mit Klöstern erkennen. Der Landeanflug knapp über einige Berggipfel und Grate kostete einige Nerven und so waren wir froh, endlich in Leh auf einer Höhe von 3.500 Metern anzukommen….auch das war erst einmal “Atem beraubend”.  Die ersten Tage verbrachten wir mit einigen Akklimatisationstouren durch die Stadt sowie auf die Shanti-Stupa, den alten Königspalast und das Kloster oberhalb Lehs.

 

AIMGP3244

Das Stadtbild von Leh ist geprägt vom alten Königspalast sowie dem allem überragenden Kloster

Das Stadtbild von Leh ist geprägt vom alten Königspalast sowie dem allem überragenden Kloster

Gebetsfahnen zieren die Straßen und Häuser und verdeutlichen die buddhistische Prägung Ladakhs Gebetsfahnen zieren die Straßen und Häuser und verdeutlichen die buddhistische Prägung Ladakhs

Traumhafte Landschaft bei Leh

Traumhafte Landschaft bei Leh

Schnell entschied der Familienrat, dass auch eine Tour entlang verschiedener Klöster im Industal folgen sollte. So bestaunten wir die Klöster Hemis,Thiksey und Shey.

Das Kloster Hemis - das größte und auch reichste Kloster Ladakhs

Das Kloster Hemis – das größte und auch reichste Kloster Ladakhs

Das Kloster Thiksey wurde Anfang des 15. Jahrhunderts gegründet und erstreckt sich über 12 Terrassen

Das Kloster Thiksey wurde Anfang des 15. Jahrhunderts gegründet und erstreckt sich über 12 Terrassen

Die 15 Meter hohe Buddhastatue  von Thiksey.

Die 15 Meter hohe Buddhastatue von Thiksey.

Blick vom Königspalast Shey in´s  Industal

Blick vom Königspalast Shey in´s Industal

Wieder zurück in Leh wurden die Rucksäcke gepackt und wir starteten nach Lamayuru, wo unser einwöchiger “Akklimatisierungstrek” beginnen sollte.

Lamayuru, der Startpunkt unseres Treks.

Lamayuru, der Startpunkt unseres Treks.

Mit von der Partie waren unser Führer Dawha, Koch Lobsang und Eseltreiber Tsering mit seinen 5 Eseln. So waren wir unserer Meinung nach sehr “nobel” ausgestattet, doch da es unterwegs keine Möglichkeit zum Kauf von Lebensmitteln gab, wäre es alleine doch eine ziemlich beschwerliche Geschichte geworden. Letztendlich gab es für uns dann nur die Möglichkeit, auf dieses “Rundum-Sorglos-Paket” zurückzugreifen. Wir sollten es nicht bereuen!

Von Lamayuru ging´s durch traumhafte Landschaften, die eher an afrikanische Wüstengebiete erinnerten.

DSC_0230

DSC_0245

Bereits in Leh wurde uns erzählt, dass wir an einem Tag entlang einer Straße wandern müssten, die gerade gebaut wird. Uns grauste es etwas vor dieser Etappe, doch was uns auf dieser Strecke erwartete, war einfach nur interessant und gab uns einen weiteren Einblick in die Mentalität und Lebensweise Indiens. Mit viel Personaleinsatz wird diese Straße derzeit gebaut und große Teile davon müssen aus dem Fels gesprengt werden. Wo bei uns viele Vorschriften für den Umgang mit Sprengstoff existieren, liegen hier die “Dynamitstangen” wie im besten Western einfach auf der Straße. Eine Selbstbedienung wäre grundsätzlich kein Problem gewesen. Selbst das Verbinden des Sprengmaterials mit den Zündschnüren und das Einführen in die Bohrlöcher konnten wir ungestört aus nächster Nähe beobachten. Der Stolz der Arbeiter war riesig, als ich sie um ein Bild bat.

Der "Bohrtrupp" in Aktion!

Der “Bohrtrupp” in Aktion!

Wer braucht Sprengstoff?

Wer braucht Sprengstoff?

Nur ein paar hundert Meter weiter hörten wir schon den Knall der Sprengung und sahen die Rauchwolke über der Baustelle. Doch bei uns führte der Weg weg vom Straßenbau tief in die wunderbare Bergwelt Ladakhs.

DSC_0283

Die Tage des Treks vergingen wie im Flug und wir genossen die Landschaft und das Leben in unserer kleinen Karawane in vollen Zügen. Dhawa, Lobsang und Tsering waren uns im Laufe dieser Zeit an´s Herz gewachsen und insbesondere unsere “Challenges”, Wurfwettkämpfe zwischen Bayern und Zanskar (die Heimat von Dhawa und Lobsang), sorgten immer für viel Spaß. Leider konnten wir keinen Sieg für Bayern erringen. Die Mannschaft von Zanskar war einfach zu stark!

Kurz vor der Passhöhe auf knapp 5.000 m

Kurz vor der Passhöhe auf knapp 5.000 m

Der erste Pass ist geschafft. Unser Lagerplatz auf 4.600 m

Der erste Pass ist geschafft. Unser Lagerplatz auf 4.600 m

DSC_0388

Unvergesslich bleibt der Abstieg durch ein Tal, dass durch die Farbe seiner Felsen unwirklich, schon fast künstlich, erschien. Fassungslos schossen wir ein Foto nach dem anderen in der Hoffnung, diese Vielfalt der Farben zu Hause so besser erklären zu können.

DSC_0403 DSC_0408 DSC_0409

Abenteuerlicher und wegloser Abstieg

Abenteuerlicher und wegloser Abstieg

....einfach spannend....

….einfach spannend….

Nach 8 Stunden Abstieg waren wir am Ende unserer Trekkingtour angekommen. Schade....

Nach 8 Stunden Abstieg waren wir am Ende unserer Trekkingtour angekommen. Schade….es war einfach ein Traum!

Nach dieser wunderschönen Woche starteten wir gleich weiter zu einem weiteren “Highlight” unserer Reise. Schon zu Hause schwärmten wir von Bildern des Tso Moiriri, einem See, der direkt an die tibetanische Hochebene grenzt. Auf 4.600 m Höhe ein weiterer Baustein zur perfekten Akklimatisation für “The High”. Außerdem natürlich auch das perfekte Fotomotiv!

Auf dem Weg  an die tibetanische Grenze.

Auf dem Weg an die tibetanische Grenze.

...der Tso Moiriri...

…der Tso Moiriri…

DSC_0649

....ein Farbklecks in der Hochebene...

….ein Farbklecks in der Hochebene…

Unglaubliche zwei Tage durften wir hier am Tso Moiriri und am Tso Kar verbringen. Fassungslos konnten wir als einzige “Westler” an einer Puja teilnehmen und den Besuch eines hohen Lamas miterleben. Diese Momente werden uns wahrscheinlich ewig in Erinnerung bleiben…

Auf dem Weg zur Puja im Kloster Karzong

Auf dem Weg zur Puja im Kloster Korzok

Zurück in Leh ging´s gleich zum Treffpunkt aller Teilnehmer von “The High” im Goba Guest House. Um dieses Rennen bestreiten zu können, benötigt jeder Läufer eine Crew, die ihn ab 90 Kilometer betreut und unterstützt. Bei mir war es klar, dass diese Arbeit meine Frau und meine Tochter übernehmen sollten. Zusätzlich war Ajit aus Bangalore unser Übersetzer und Helfer in allen zu erwartenden Lebenslagen. Schnell stellte sich heraus, dass wir als Team hervorragend zusammenpassten.

With my Crewmember and friend Ajit

With my Crewmember and friend Ajit

Überrascht wurde ich, dass ich aufgrund der Absagen einiger Teilnehmer, der einzige Starter über die Strecke von 222 Kilometern war. Für mich nicht gerade eine gute Nachricht, da ich so keinen Gegner vor oder hinter mir haben sollte, und das ist ja das “Salz in der Rennsuppe”. Von den insgesamt 15 Läufern am Start aus 10 Nationen waren 9 für die Mammutdistanz von 333 Kilometern und 5 über die 111 Kilometer gemeldet. Spannend gestaltete sich der erste “Cut off” bei Kilometer 48, der für alle Teilnehmer der “kürzeren” Strecken bei 7 Stunden, für alle anderen bei 8 Stunden liegen sollte. Im Normalfall kein Problem, aber auf 5.000 Metern? Ich wollte mich überraschen lassen, rechnete aber sicher damit, diese erste Hürde zu meistern.

"The High Crew"

“The High Crew”

Die Vorbereitung auf das Rennen war sehr intensiv und die Meetings der Teilnehmer, sowie der Crews, aufschlussreich. Ein Film brachte uns die Probleme der Strecke näher und alle wurden deutlich auf die Gefahren durch die Höhenkrankheit, als auch der Dehydrierung, hingewiesen.

Auch wurde jeder Teilnehmer gründlich von einem Arzt und auch einer Physiotherapeutin untersucht. Kurzum….die Organisation war perfekt!

DSC_0843

 

The High Vorbereitung 2

So langsam wuchs die Vorfreude auf den Start. Meine Startnummern und die Aufkleber für das Fahrzeug meiner Crew lagen bereits bereit. Die weiteren Ausrüstungsgegenstände wurden gepackt und es wurde ernst.

Vorbereitung auf den Start mit meiner Tochter

Vorbereitung auf den Start mit meiner Tochter

Früh am Morgen trafen sich die gesamte Crew, sowie alle Teilnehmer und Betreuer und machten sich auf den Weg über den höchsten befahrbaren Pass der Welt, den Khardung La, in´s Nubra Valley in die Ortschaft Hunder. Die Fahrt über den Pass war ein Erlebnis der besonderen Art. Eine üble Schotterpiste, zwischendrin Baustellen mit den üblichen Sprengstofflagern und vorsichtigem aneinander Vorbeifahren am drohenden Abgrund. Einige Male zogen wir es vor aus dem Bus zu steigen und zu Fuß vorauszugehen. Je weiter wir in Richtung Passhöhe kamen, desto schlechter wurde das Wetter und es begann dicht zu schneien.

...höher geht´s mit dem Auto nicht mehr! Auffahrt zur Passhöhe des Khardung La...

…höher geht´s mit dem Auto nicht mehr! Auffahrt zur Passhöhe des Khardung La…

 

....dann doch lieber zu Fuß...

….dann doch lieber zu Fuß…

Jup Brown aus Neuseeland bei einer kurzen Pause in North Pollu

Jup Brown aus Neuseeland bei einer kurzen Pause in North Pollu

Am Anfang war die Fahrt für uns alle noch recht lustig, doch im Laufe der Zeit wurde es immer ruhiger im Bus, denn unser Fahrer wollte wohl sehr schnell nach Hunda. Er raste den Pass bergab und fuhr mit so hoher Geschwindigkeit in die Kurven, dass uns tatsächlich Angst und Bang wurde. Nach insgesamt 7 Stunden Fahrt kamen wir jedoch gesund und munter in Hunda an.

Die 32 Meter hohe Buddha Statue von  Diskit.

Die 32 Meter hohe Buddha Statue von Diskit.

DSC_0986

Wir alle genossen die letzten Stunden vor dem Rennen und verbrachten die Zeit mit verschiedenen Besichtigungen, Kamelreiten und einfach nur “Nichtstun”. Für Abwechslung sorgte die Crew, in dem sie uns Läufern einen schönen Empfang mit den Fahnen aller teilnehmenden Nationen, sowie den entsprechenden Nationalhymnen bereitete.

DSC_0962

Nachdem ich zum 150sten Mal den Rucksack überprüft und die Ausrüstung gecheckt hatte, wurde es endgültig ernst. Wir fuhren (diesmal gemütlich) mit unserem Bus zu einem bestimmten Punkt im “Nowhere of the Nubra Valley”, wo um 22 Uhr der Startschuss erfolgen sollte.

_SBA9621 (1)

Meinen Fehler aus verschiedenen anderen Rennen, zu schnell zu beginnen, wollte ich auf alle Fälle vermeiden. So machte ich mich mit meinen Läuferkumpels, zu denen wir in den vergangenen Tagen geworden waren, auf den Weg zur Startlinie. Alle Betreuer und die Crew warteten auf uns und wünschten viel Glück und noch mehr Gesundheit auf dem beschwerlichen Weg über die höchsten befahrbaren Pässe der Welt. Wir sollten diese Wünsche dringend brauchen….

....gleich geht´s los...

….gleich geht´s los…

Ein besonderes Erlebnis bei diesem Start war es für mich, dass zum ersten Mal meine Frau und meine Tochter bei einem Ultra dabei waren. So war es ein tiefes Gefühl der Ruhe, denn ich wusste, meine Familie ist auf der Strecke und wartet bei km 90 auf mich. Mit meinen Mitläufern, die sicherlich zu den besten Ultraläufern gehören, machte ich mich auf den Weg, den Khardung La, den höchsten befahrbaren Pass der Welt mit einer Höhe von 5.602 Metern, in Richtung Leh zurückzulaufen.

Auf geht´s! 222 Kilometer warten darauf gelaufen zu werden!

Auf geht´s! 222 Kilometer warten darauf gelaufen zu werden!

Die ersten Kilometer glichen schon einem Ritual. Passt die Einstellung des Rucksacks? Sind die Schuhe zu streng gebunden? Ist die Stirnlampe fest?

Natürlich kam irgendwann auch die Frage nach dem Tempo. War ich zu langsam oder zu schnell unterwegs? Na ja, irgendwie erschien es mir doch etwas sehr gemütlich… Plötzlich gab Ryoichi Sato, der japanische Läuferstar, ziemlich Gas und legte ein gutes Tempo vor. Na klar…nichts wie hinterher. Zudem musste ich ja den “Cut off” bei 48 Kilometern, also die Zeit von 7 Stunden, schaffen. “Bummeln gibt´s nicht!” Erst ging´s ein paar wenige Kilometer flach dahin, bevor der Anstieg zum Khardung La begann. Sato lies sich zurückfallen und so war ich für einige Kilometer einsam führend in der Nacht unterwegs. Nach einiger Zeit sah ich den Schein einer Stirnlampe näher kommen und freute mich, dass Alexandre Matignon, ein Anwalt aus Paris, zu mir aufschloss. Da er 111 Kilometer laufen wollte, beschlossen wir, zusammen zu bleiben. Er durfte ja ebenfalls nicht mehr als 7 Stunden für die ersten 48 Kilometer benötigen. Also versuchten wir dieses wirklich harte Stück Arbeit hinter uns zu bringen. Nachdem der Start auf 3.200 Meter Höhe lag, war bald die 4.000 Meter Grenze erreicht und der Sauerstoffmangel machte sich bemerkbar. Ab 4.500 Meter glich der Laufstil eher einem gemütlichen Trab, doch es ging recht gut voran. Wir beide fühlten uns fit und waren zuversichtlich, mit einem Zeitguthaben bei dem gefürchteten “Cut off” in North Pollu auf 4.800 Metern anzukommen. Ein atemberaubender Sternenhimmel über und einige Eisriesen im Mondlicht neben uns. Schöner konnte es eigentlich nicht sein. 

Die Verpflegung funktionierte hervorragend! Tee, Cola, Suppe, Nudeln....alles war vorhanden!

Die Verpflegung funktionierte hervorragend! Tee, Cola, Suppe, Nudeln….alles war vorhanden!

Die Betreuung war perfekt und auch die medizinische Crew war allgegenwärtig. Kaum saß man für eine Cola, einen Becher Tee oder Tomatensuppe auf der Stoßstange eines Autos, hatte man schon einen Pulsoximeter am Finger, sowie eine Blutdruckmanschette am Arm. Es war interessant zu beobachten, wie sich der Sauerstoffgehalt des Blutes im Laufe des Rennens veränderte. Vor dem Start lag er bei mir bei 98 % und reduzierte sich dann gleichmäßig. Im Laufe der Nacht sanken die Temperaturen weit unter den Gefrierpunkt. Die Pausen an den Verpflegungsstationen wurden länger und zwischenzeitlich waren Alexandre und ich auf Rang 4 zurückgefallen. Aber noch war alles im “grünen Bereich”. Der gleichmäßige Anstieg über viele Kilometer kostete viel Kraft und kein Flachstück oder auch steiler Aufschwung bot den angestrengten Muskeln eine Abwechslung. Aber so ist es einfach auf den langen Distanzen…Augen zu und durch….jammern nutzt nichts….

Je länger Alexandre und ich durch die Nacht trabten, desto häufiger ging mein Blick zur Uhr, denn die Minuten verrannten und das Erreichen des 7-Stunden “Cut offs” war plötzlich doch nicht mehr so selbstverständlich, wie ich es zuvor angenommen hatte. Die Temperaturen sanken und Alex hatte massive Probleme, denn die Kälte die in der Zwischenzeit bei ca. -9 Grad lag, führte dazu, dass er seinen Rucksack und seine Trinkwasserflaschen nicht mehr öffnen konnte. Er hatte bei einem anderen Rennen Erfrierungen an den Fingern davongetragen und hatte nun kein Gefühl mehr darin. Also versuchten wir diese Aufgaben zusammen zu lösen sehnten uns den Checkpoint in North Pollu herbei. Ein paar Minuten nachdem das 7stündige Zeitlimit verstrichen war, erreichten wir die Fahrzeuge der Crew.

Wie herrlich schmeckte die Tomatensuppe und ein paar Tassen Tee! Irgendwann kam Rajat, der Rennleiter, zu mir und machte mir klar, dass ich das Zeitlimit um einige Minuten überschritten hätte und somit eigentlich ausgeschieden wäre. Ich war fassungslos. Auf Rang 4 und aus dem Rennen? Das konnte einfach nicht sein! Er meinte jedoch, dass er aufgrund einer neuen Streckenführung die Zeit nicht genau einschätzen und ich deshalb weiterlaufen könne. Es wäre jedoch ein Ding der Unmöglichkeit innerhalb der gesetzten Zeit über den Khardung La zu kommen und South Pollu zu erreichen. Da war mein Ehrgeiz wieder geweckt….und zwar gnadenlos!

...schlechte Nachrichten von Rajat...

…schlechte Nachrichten von Rajat…

Alexandre wollte sich noch etwas im Auto aufwärmen und so fassten wir zusammen den Entschluss, uns hier zu trennen. Schade, es war schön mit ihm durch die Nacht zu laufen, doch ich wollte nicht weiter auskühlen und machte mich zügig auf den Weiterweg. Einige Kilometer weiter traf ich auf Sato. Er ruhte sich in einem Auto aus und versuchte ebenfalls sich aufzuwärmen. Kurz darauf leuchteten mir einige Augen aus der Dunkelheit entgegen. Einige Yaks bestaunten den einsamen Läufer der sich ihnen näherte. Ich freute mich über die zottigen Zuschauer und machte meine Späße. Kaum war ich an ihnen vorbei, begann es hinter mir zu donnern, dass mir fast das Herz stehenblieb. Das waren nicht ein paar Yaks, das war eine Herde! Und ausgerechnet jetzt mussten sie sich in Bewegung setzen! Staub wirbelte in der Luft und im Lichtkegel meiner Stirnlampe. Meine Schockstarre löste sich erst, als sich der Lärmpegel um mich herum senkte. Glück braucht der Mensch!

So machte ich mich unversehrt weiter auf den Weg zur Passhöhe des Khardung La. Mir ging es trotz der bereits erreichten Höhe von ca. 5.300 Metern unerwartet gut. Der Ausblick auf die Landschaft im Morgengrauen war unbeschreiblich. Schnell waren alle Ängste, Sorgen und Schmerzen die zu einem Ultralauf gehören, vergessen. Langsam näherte ich mich dem Khardung La und freute mich auf diesen Höhepunkt meiner Läuferkarriere! Ich konnte schon die gelbe Steinmarkierung und die vielen Gebetsfahnen erkennen, da rannte mir auch schon VJ, ein Mitorganisator des Rennens jubelnd entgegen!

Geschafft! Auf der Passhöhe des Khardung La

Geschafft! Auf der Passhöhe des Khardung La!

Ich freute mich riesig und es gab viele Umarmungen und Gratulationen der Crew. Ein sehr großes Teilziel des Rennens war geschafft. Ich war den höchsten befahrbaren Pass der Welt, den Khardung La, mit einer Höhe von 5.602 m gelaufen. Die Höhe variiert je nach der Fundstelle im Internet, so habe ich einfach die vor Ort angegebene Höhe von Fuß in Meter umgerechnet. Es müsste also stimmen… Auch das Zeitlimit passte übrigens….

...einfach nur glücklich und zufrieden...

…einfach nur glücklich und zufrieden…

Langsam näherte sich Jup aus Neuseeland der Passhöhe. Ich wartete auf ihn und zusammen machten wir uns auf den Abstieg. Er erzählte mir, dass viele Teilnehmer bereits aufgegeben hätte bzw. höhenkrank geworden waren. Auch hätte kein Teilnehmer der “kürzeren” Distanzen (111 und 222 Kilometer) den “Cut off” bei 48 Kilometer geschafft. Ich befand mich also in guter Gesellschaft. Das ungewohnte Bergablaufen forderte die Muskulatur, doch letztendlich war alles “normal”. Jup und ich rannten ein unterschiedliches Tempo und so war ich einige Minuten vor ihm, als ich plötzlich starke Krämpfe in der Magengegend empfand und mir ziemlich übel wurde. Oh Gott…hoffentlich hatte ich im Lager vor dem Rennen kein schlechtes Wasser getrunken! Schnell bat ich ein Fahrzeug der Crew um Hilfe. Tee wurde mir eingeflößt und ich versuchte etwas Essen zu mir zu nehmen.  Schlafen….ich wollte einfach nur schlafen…

...fix und fertig...

…fix und fertig…

...geht da noch was?

…geht da noch was?

Nach einigen Minuten versuchte ich mich wieder auf den Weg zu machen. Nach kurzer Zeit zwang mich starker Durchfall mit Erbrechen schon wieder auf den Rand der Strecke. Super! So quälte ich mich noch einige Kilometer bis nach South Pollu.

Hoffnungsvoll und euphorisch war ich in dieses Rennen gestartet. Die Landschaft, die Menschen, die Crew….mein Team…..alles war einfach perfekt! Nur ich war in dieser Verfassung einfach nicht mehr in der Lage, noch einen Schritt weiter zu gehen, geschweige denn zu laufen. Auch die restlichen Kilometer bis zum Ziel des 111 Kilometer Rennens waren jetzt für mich unerreichbar. Also blieb mir einfach nichts anderes übrig, als nach 78 Kilometern aufzugeben. In meiner Karriere als Ultraläufer war es nun soweit. Zum ersten Mal sollte “dnf” für “did not finish” in der Ergebnisliste erscheinen.

Schluss, Aus, Ende.....

Schluss, Aus, Ende…..

 

Aufgrund meines körperlichen Zustandes war dies für mich eine klare Entscheidung, mit der ich kein Problem hatte. Leid tut es mir auch heute noch für mein Team, das mit Fahrzeug und allem drum und dran nur 11 Kilometer weiter auf mich wartete. Insbesondere Ajit war extra aus Bangalore nach Ladakh gekommen um mich zu begleiten. Nun sah er mich nicht einmal laufen….

Aber letztendlich war ich in guter Gesellschaft. Drei indische Läufer mussten bei Kilometer 43, 44 und 48 aufgeben. Allen Wrinkle und Jason Dunn, zwei hervorragende Teilnehmer aus den USA und Australien, mussten wegen Höhenkrankheit nach 48 bzw. 78 Kilometern aus dem Rennen gehen. Brigid Wefelnberg nach 58 Kilometern.

Alex Matignon aus Frankreich und Elize van Staden aus Südafrika erreichten inoffiziell das Ziel des 111 Kilometer Rennens. Sie hatten beide, wie ich, den 48 km Cut off nicht geschafft. Trotzdem meinen allergrößten Respekt vor der Leistung der beiden.

Das Rennen über die 333 Kilometer verlief dramatisch. Nachdem Ryoichi Sato aufgrund muskulärer Probleme aufgeben musste, traf es als nächste Michael Nielsen aus Dänemark und John Sharp aus den USA. Jup Brown musste bei 222 Kilometern mit Verdacht auf ein beginnendes Lungenödem aus dem Rennen genommen werden. Er fühlte sich eigentlich fit und war deshalb verständlicherweise tief enttäuscht. Zum “Frustabbau” durchquert er demnächst laufend die USA von West nach Ost!!!!!

Mark Woolley aus England und Kim Rasmussen aus Dänemark lieferten sich so ein einsames Kopf an Kopf Rennen und es sah lange Zeit danach aus, dass beide zeitgleich das Ziel erreichen sollten. Nach 317 Kilometern, also 16 Kilometer vor dem Ziel, kollabierte jedoch Mark und Kim trabte als einziger “Finisher” des gesamten Rennens (111, 222, 333) überglücklich in´s Ziel. Eine unglaubliche Leistung, die ich vor dem Rennen nicht für möglich gehalten hätte.

Für mich war dieses Rennen der Schlussstrich unter meiner Karriere als Ultraläufer. Sicherlich werde ich mich noch bei so manchem Bergmarathon oder ähnlichen Rennen tummeln, aber das konsequente und intensive Training für Rennen wie “The High” oder dem “Yukon Arctic Ultra” ist aus zeitlichen Gründen einfach nicht mehr möglich….aber andere Herausforderungen warten und ich freue mich darauf!

 

Ein herzliches Dankeschön an alle die mich in den vergangenen Jahren unterstützt und angespornt haben. Ganz vorne auf der Liste steht natürlich meine Familie! Ohne ihre Geduld und das Verständnis für meine Verrücktheiten wäre alles nicht möglich gewesen.

Vielen Dank für die Unterstützung durch meine Sponsoren:

Sport Conrad, Garmisch-Partenkirchen
Solarsysteme Mittermeier, Garmisch-Partenkirchen
Orthopädie-Schumacher Stephan Riedl, Ohlstadt
und Haglöfs Deutschland.

Nicht vergessen möchte ich auch Robin Tosch, der mir diese schöne Website gebastelt hat!

Zum Schluss noch ein “Dankeschön” an meine Laufkumpels bei verschiedensten Rennen für die schönen gemeinsamen Stunden:

Hanspeter, Christian, Hanno, Ignatios, Nicole, Jan, Wolfgang, Marcel, Fisse, John, Karl, Tommy, Jorgen, Armin, Jup und Alex stehen stellvertretend für viele, viele weitere tolle Läufer und Menschen! Es hat Spaß gemacht mit Euch!

 

2 Gedanken zu „Das Laufabenteuer 2014 “La Ultra – The High” in Ladakh, Nordindien

  1. Christian Stolovitz

    Hi Christian!
    Ein schöner Bericht mit super Fotos. Das Ende stimmt mich etwas traurig, aber vielleicht ergibt sich doch noch einmal die Gelegenheit uns irgendwo in der Pampa gemeinsam Blasen an die Sohlen zu laufen.
    Zu schön waren unsere gemeinsamen Stunden um dies alles ad acta zu legen.
    Liebe Grüße auch an Deine tolle Familie in der Hoffnung uns mal wieder zu begegnen.
    Christian Stolovitz

    1. christian Artikelautor

      Servus Christian! Mit Sicherheit waren wir am Yukon nicht zum letzten Mal miteinander unterwegs. Wir treffen uns wieder…ganz sicher! Die Begleitumstände werden einfach etwas anders sein… :-)! Viele Grüße Christian

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>