Himalayan Stage Race 2010

Endlich war es wieder soweit! Nach der „Libyan-Challenge“ im vergangenen Jahr machten sich mein Freund Hanspeter Gunz aus Bregenz und ich auf den Weg zum „Himalayan Stage Race“ in Nord Indien. Das Rennen findet in der Provinz Darjeeling, an der Grenze zu Sikkim, statt. 5 Etappen mit insgesamt 100 Meilen sind auf einer Höhe bis zu 4.700 Meter zurückzulegen. In Sichtweite von vier 8.000ern, Mt. Everest, Lhotse, Makalu und Kangchenzönga ein Rennen in einmaliger Umgebung.

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Doch erst einmal führte uns unser Weg von München nach Calcutta. Trotz mehrerer Aufenthalte in Indien war diese Stadt für mich erschütternd. Die Armut und der Dreck sowie die Massen an Menschen erweckten den Eindruck, dass in dieser Stadt alle Vorurteile Indiens geballt zu finden sind….nur nicht der Fortschritt. Hanspeters erster Asienaufenthalt war für ihn ein wahrer Kulturschock. Doch das gute Essen und die Freundlichkeit der Menschen trösteten über so manche erschütternde Erfahrung hinweg.

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So ging es nach eintägigem Sightseeing mit dem Zug weiter nach Siliguri, der Grenzstadt zu Bangladesh. Wie immer sind Zugfahrten in Indien ein Erlebnis für sich. Ich genoss es in vollen Zügen und auch Hanspeter fand nach kurzer Eingewöhnungsphase Gefallen am Trubel im Zug. Von Händlern über Musikanten, Schauspielern und Teeköchen war alles  geboten und so gestaltete sich die 12-stündige Fahrt nach Norden sehr kurzweilig! Mit einem lauten „get up….quick, quick…!“ wurden wir geweckt. Der Zug war bereits in den Bahnhof eingefahren und wir konnten gerade noch so unser Gepäck nach draußen schaffen. Dort erwartete uns bereits die nächste Prüfung. Unzählige Jeeptaxis warteten auf Kundschaft, insbesondere auf die „unwissenden“ Europäer, die sich meist zu überteuerten Preisen nach Darjeeling fahren lassen. Wir hatten unseren Spaß, da ich das Handeln in Indien ja bereits kannte. Nachdem wir ein preisgünstiges Taxi ergattert hatten, ging´s dann recht angenehm erst durch Reisfelder und dann in vielen Kehren hinauf in´s Reich der Teeplantagen. Was uns dort erwartete überraschte uns doch sehr….Regen ohne Ende! Toll….weder Hanspeter und ich hatten entsprechende Klamotten dabei! Ein Rennen bei diesen Verhältnissen wäre ziemlich fatal gewesen, doch bereits am nächsten Morgen konnten wir bei Sonnenaufgang die Himalayariesen in einem atemberaubenden Licht bestaunen. Die buddhistische Kultur verfolgte uns auf allen Wegen und beeindruckt stöberten wir durch die Stadt und kosteten natürlich verschiedenste Sorten des genialen Tees.

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Weiter ging es mit dem „Local-Bus“, dem Bus der einheimischen Bevölkerung, nach Mirik, dem Treffpunkt der Teilnehmer des diesjährigen „Himalayan Stage Race“. Die Fahrt war ein lustiges Erlebnis, denn aufgrund der vielen eingepferchten Fahrgäste verlagerten wir unseren Platz einfach auf das Dach! Da war nicht nur Hanspeter begeistert!

In Mirik wurden wir recht herzlich von Mr. Pandey, dem Organisator des Rennens, begrüßt. Er teilte uns gleich unser Zimmer zu und im Anschluss daran gab´s ein gemeinsames Abendessen sowie das Briefing der Teilnehmer. Insgesamt 63 Runner waren am Start, darunter der starke Fernando Rodriguez und Monica Aguilera aus Spanien. Monica hatte im Frühling die Frauenwertung des „Marathon des Sables“ gewonnen – also eine Athletin der Spitzenklasse.

Mit einigen Teilnehmern wanderten wir durch die Ortschaft, wo gerade ein großes Fest stattfand. Sowohl die einheimische Bevölkerung als auch wir hatten unsere Freude, denn wir wollten die in wunderschöner Tracht herausgeputzten Gruppen fotografieren und im Gegenzug wollten sie von uns alles über Deutschland, Europa usw. erfahren. Ein wunderschöner und interessanter Tag ging viel zu schnell zu Ende und wir mussten schließlich noch unser Gepäck für das Rennen packen.

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Um 5.20 Uhr fuhren wir mit Bussen in die kleine Ortschaft Maneybhanyjang, wo wir mit Musik und buddhistischen Gebetsschals empfangen wurden. Ein tolles Erlebnis und ein ganz besonderer Startort. Die erste Etappe verlief über eine Strecke von 38,6 Kilometer und 1.500 Höhenmetern in das Dorf Sandakphu auf 3.636 m. Steil ging es in Serpentinen bergauf und ich wunderte mich, dass ich auch nach einigen Kilometern noch ziemlich weit in Führung lag. Für mich eine erstmalige Erfahrung!

Mit dem Wissen, die Führung sicher nicht bis in´s Ziel halten zu können, blieb ich unter meiner Leistungsgrenze und musste ungefähr bei der Hälfte der Strecke Fernando Rodriguez, Monica Aguilera und Angel Moreno aus Spanien sowie John Green aus England den Vortritt lassen. Die letzten Anstiege bis in´s Ziel waren aufgrund der ungewohnten Höhe sehr anstrengend, jedoch schön zu laufen. Glücklich erreichte ich als fünfter das Ziel und freute mich riesig über diesen Erfolg.

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Die zweite Etappe führte 32 Kilometer entlang der indisch-nepalesischen Grenze auf einem baumlosen Grat zum Weiler Molle (3.500 m) und wieder zurück nach Sandakphu. Ein genialer Ausblick auf Mt. Everest, Lhotse, Makalu und Kangchenzönga machte diese Strecke zu einem eindrucksvollen und unvergesslichen Erlebnis. Aufgrund der extrem schlechten Beschaffenheit des Weges mussten wir sehr auf Stolperfallen achten. John Green, ein hervorragender englischer „Roadrunner“ (wie er selbst immer grinsend erzählte) ging einige Male zu Boden und musste am Abend mit etlichen Pflastern und Verbänden von der „Medical Station“ versorgt werden. Das Rennen verlief für mich wieder unerwartet genial. Fernando lief voraus, John und ich hinterher. Die Verfolger Monica und Angel im Genick. John konnte sich absetzen und Monica und Angel überholten mich nach ca. 10 km wie bereits am Tag zuvor. Am Wendepunkt konnte ich sie jedoch wieder einholen und mich wieder vor den beiden positionieren. Die 16 km Rückweg wurden so für mich zu einem „Höllentrip“. Die beiden Spanier jagten mich nach allen Regeln der Kunst, doch ich wollte meinen ersten „Stockerlplatz“ bei einem großen Rennen nicht einfach abgeben. Und tatsächlich hat es funktioniert. Überglücklich fiel ich Fernando und John im Ziel in die Arme. Wahnsinn….ich hatte etwas bei diesem Rennen erreicht, von dem ich bisher lediglich geträumt hatte. Dieser Erfolg brachte natürlich einiges an Selbstvertrauen und so sah ich entspannt dem nächsten Tag, der längsten Etappe, entgegen. Am Abend gingen Hanspeter, Joachim   und ich noch in´s benachbarte Nepal, in eine wunderschöne Lodge, die direkt an unser indisches Hüttendorf angrenzte. Eigentlich  war der Grenzübertritt verboten, aber das Bier schmeckte dafür hervorragend! Beim Gespräch mit dem Wirt stellte sich dann heraus, dass er der Enkel von Tenzing Norgai, dem Erstbesteiger des Mt. Everest war. Er zeigte uns stolz einige Fotos und so verging die Zeit wie im Flug.

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Die dritte Etappe führte von Sandakphu nach Rimbik auf 2089 m. Diese Teilstrecke wird einzeln als „Mt.-Everest-Challenge-Marathon“ gewertet. Wir mussten auf diesen 42 km tatsächlich ca. 8 km und 1.200 Höhenmeter am Stück steil bergab laufen. Vor dieser Strecke hatte ich bereits zu Hause großen Respekt, denn Bergablaufen ist für mich der absolute Horror. So ging´s wieder wie am Tag zuvor nach Molle und dann in den Abstieg. Es lief verhältnismäßig gut und mit den sinkenden Höhenmetern stiegen die Temperaturen wieder auf ein angenehmes Maß. Wie viele Läufer war ich fassungslos, als ein Streckenposten verkündete, es wären erst 30 Kilometer zurückgelegt! Also – Augen zu und durch! Wieder völlig begeistert erreichte ich das Ziel in Mirik als dritter Läufer. Das GPS eines Läuferkollegen zeigte 50 zurückgelegte Kilometer.

Gestärkt durch ein hervorragendes Essen folgte am nächsten Tag die vierte Etappe, eine Sprintstrecke von 16 Kilometern, nach Palmajua. Am Morgen wachte ich mit ziemlich Kopfweh und Kreislaufproblemen auf. Wie ich das gerne mache, bemitleidete ich mich selbst ziemlich intensiv, denn eigentlich wollte ich ja wieder meinen guten Platz in der Gesamtwertung verteidigen. Mein guter Freund Hanspeter kennt mich ja doch schon sehr lange und drückte mir einen Müsliriegel in die Hand: „Iss….und jammere nicht rum! Zeig´s den Anderen!“ Oh Gott….diese Ansprache im tiefsten Vorarlberger Dialekt haute selbst mich als Oberbayern absolut um!

Während ich in der Wiese vor der Lodge saß, sammelten sich die anderen Läufer bereits zum Start der Etappe. Der Startschuss erwischte mich so völlig unerwartet und ich hastete als einer der letzten dem Läuferfeld hinterher. Erst einmal ging´s 8 km eine Passstraße bergab. Alle „Wehwehchen“ waren vergessen und ich versuchte einfach nur zu überholen. Irgendwann hatte ich mich tatsächlich an Angel, meinem Gegner im Kampf um den dritten Platz der Männerwertung, herangekämpft. Er staunte nicht schlecht, konnte jedoch nicht mithalten. Dann kam Monica in´s Blickfeld. Auch sie konnte ich überholen und war wieder auf Platz 3. Die letzten 8 Kilometer gingen nun gleichmäßig bergauf und ich konnte kurz vor mir Fernando mit John erkennen. Beide kämpften um den Sieg dieser Etappe und achteten nicht auf mich. So nutzte ich den Überraschungseffekt und setzte zum Überholen an. Beide staunten nicht schlecht und konnten erst einmal nicht folgen. Ich rannte mir die Seele aus dem Leib! Zum ersten Mal in meinem Läuferleben lag ich kurz vor dem Ziel an der Spitze des Feldes und wurde so zum Gejagten. Fernando konnte nicht mehr aufschließen und so liefen John und ich ein einsames Rennen die Serpentinen nach Palmajua hinauf. Das Ziel vor Augen schaffte es unser „Roadrunner“ doch noch mich im Schlusssprint zu überholen. So kam ich als zweiter in´s Ziel und war trotzdem überglücklich! John und ich hüpften ausgelassen durch die Gegend und erwarteten Fernando, der ein paar Minuten nach uns das Ziel erreichte. Er wollte so gerne alle Etappen gewinnen….

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Der Abend stand ganz im Zeichen der Folklore. Lustigerweise zeigten nicht nur indische Musiker ihr Können, auch die Teilnehmer mussten, aufgeteilt nach Nationen, entsprechende Traditionen vorführen. Ich hoffte, dass andere deutsche Teilnehmer gute Ideen hätten, aber die rechneten fest mit einem oberbayerischen Schuhplattler! Wo ich doch nie im Trachtenverein war und das gar nicht kann! Also wurde eine kurze Übungseinheit durchgeführt und der Aufführung (wahrscheinlich dem ersten „Schuhplattler“ in diesem Tal) stand nichts mehr im Wege. Anstelle einer Blamage waren alle begeistert und sprangen und tanzten letztendlich mit. So ging auch dieser letzte Abend in den Bergen zu Ende.

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Die finale Etappe führte wieder zurück zum ursprünglichen Startort Maneybhanyjang. Ich versuchte auf der gesamten Strecke zwar verzweifelt den Abstand auf Angel im Gesamtergebnis noch aufzuholen, doch das spanische Team funktionierte hervorragend und so erreichte ich zwar als dritter das Ziel des „Himalayan Stage Race“, belegte jedoch hinter Angel Platz 4 der Gesamtwertung der Männer.

Doch völlig egal…für mich ging ein Traum in Erfüllung! Neben diesem unerwartet guten Ergebnis bekam ich bei der Siegerehrung sogar einen Silberteller für den dritten Platz beim „Mt.-Everest-Challenge-Marathon“ überreicht.

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Mein Laufkumpel Hanspeter konnte trotz langer Verletzungspause und einem umgeknickten Bein auf der zweiten Etappe Platz 14 der Gesamtwertung belegen! Eine hervorragende Leistung, die sein läuferisches Selbstbewusstsein wieder hergestellt hat. Ich freue mich schon auf unsere nächsten gemeinsamen Laufabenteuer!

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