Yukon Arctic Ultra 2012

160 Kilometer durch die kanadische Wildnis

Kanada im Winter – wer träumt nicht von unberührten Hängen mit feinsten Powder….tatsächlich ging es den meisten am Flughafen München so, denn das Gepäck der meisten Urlauber bestand aus Ski und Snowboards. Ein Blick auf das Gepäck meines Laufkumpels Christian Stolovitz aus Wien und mir zeigte ziemlich schnell den Unterschied: Ausnahmsweise keine Ski, sondern Turnschuhe! Zudem eine umfangreiche Ausrüstung, die uns beim kältesten Ultralauf der Welt, dem Yukon Arctic Ultra in Nordkanada auf einer Laufstrecke von 160 km auch bei Extremtemperaturen von bis zu -30 Grad schützen soll.

Viele Trainingskilometer in den Beinen, eine intensive mentale Vorbereitung und Planung der Ausrüstung waren nötig, um nun endlich die Anreise an den Yukon antreten zu können.

Über das schon fast „frühlingshafte“ Vancouver ging es weiter in den Norden, nach Whitehorse, das uns mit angenehmen Temperaturen um -10 Grad begrüßte.

18 Teilnehmer aus 7 Nationen warteten gespannt auf den Startschuss des 100 Meilen Rennens. Doch vorher gab es natürlich noch viele Dinge zu erledigen, zum Beispiel das Absolvieren eines Trainingskurses, bei dem wir über die möglichen Gefahren der Strecke, von Overflow (Wasser auf dem Eis), Einbrechen in´s Eis, über die heimischen Tiere (Wölfe, Elche, evtl. Bären…) sowie die Gefahren durch die Kälte informiert wurden. Nach diesem theoretischen Teil ging´s vier Stunden lang mit voller Ausrüstung raus in die Natur. Feuer machen mit nassem Holz, Ausrüstungskontrolle, Aufbauen eines Biwakplatzes. Alles musste den Organisatoren vorgeführt werden, ansonsten war eine Teilnahme am Rennen nicht möglich. Absolut richtig – denn hat man diese Dinge bei extremer Kälte nicht zu 100 % im Griff, kann es sehr schnell richtig gefährlich werden.

Zwei Tage später stehen wir fröstelnd am Start. Die Pulka, mit der wir unsere Ausrüstung transportieren, hängt am Hüftgurt und stört ungewohnt den Lauffluss. Um nicht zu schwitzen, habe ich lediglich ein Sportunterhemd und eine Softshelljacke an und sehne so den Startschuss herbei. Die ganze Vorbereitung geht mir noch einmal durch den Kopf – hoffentlich hat das Training gereicht – passt die Ausrüstung? – egal….Drei, zwei, eins…und los !

Was habe ich allen zu Hause gesagt ? Ich lasse es gemütlich angehen. Von wegen ! Schnell bin ich an der Spitze des Läuferfeldes und es läuft einfach traumhaft. Blauer Himmel, der Yukon bietet auf seiner Eisdecke eine perfekte Lauffläche und die Sonne bestrahlt alte Goldminen und eine herrliche Landschaft. Nach 2 Kilometern kommt unerwartet der erste Overflow. Wie war das? Was haben wir im Vorbereitungskurs gelernt? Ach ja, genau schauen und möglichst schnell erkennen, wo die wässerige Oberfläche am besten zu laufen ist. Kein Problem, das geht schon….platsch! Schon läuft mir das Wasser in den Schuh und ich kann mich gerade noch so auf den Beinen halten. Zum Glück geht´s den meisten so, denn sie laufen ja hinter mir her…..

Nach 4 Stunden und ca. 10 Minuten erreiche ich das Ziel der Marathon Distanz und muss erkennen, dass ich die ganze Geschichte, wie schon vermutet, viel zu schnell angegangen bin. Leichte Sorge kommt auf, ob dieser Fehler sich im Laufe des doch sehr langen Rennens nicht zu einem ausgewachsenen Problem aufbläht.

Die nächsten 60 Kilometer bis zum Checkpoint am „Dog Grave Lake“ lasse ich deshalb etwas ruhiger angehen, doch die letzten Stunden ziehen sich endlos. Es ist eine traumhafte Vollmondnacht. Der Mond beleuchtet eine märchenhafte Landschaft und durch die zunehmende Kälte erscheint der Wald als Kristallpalast. Doch all dies hilft nicht drüber weg, dass es bergauf geht und die Pulka bergab zieht. Endlich erreiche ich den Checkpoint und trinke wärmenden Tee. Ich warte noch auf meinen Kumpel und Teamkollegen Christian und weiter geht es in die nun wirklich saukalte Nacht. Gegen 6 Uhr morgens können wir als Zugabe das Nordlicht bewundern und der Himmel zuckt in grün und rot. Das Rennen entwickelt sich zu einem unvergesslichen Ereignis.

Im ersten Morgenlicht traben wir in ein Flusstal und werden urplötzlich von extremer Kälte erfasst. Das Thermometer zeigt -35 Grad! Die vielen Energieriegel in der Pulka sind steinhart gefroren, lediglich die Gels können in den Handschuhen einigermaßen zähflüssig gehalten werden. Eine Thermosflasche kann ich nicht mehr öffnen, der Deckel ist zugefroren. Eine funktioniert noch…immerhin! Mit Staunen nehme ich zur Kenntnis, dass ich bereits nach einer halben Minute ohne Handschuhe, die ich für ein Foto ausgezogen habe, hartgefrorene Daumen habe….ich habe es einfach nicht gespürt, kein Schmerz, nichts…..

Während ich weiterlaufe reibe ich meine Hände wieder warm und merke langsam, dass sich mein schneller Start vom Vortag rächt. Unterzucker macht sich bemerkbar und ich habe das Gefühl, mich im Zeitlupentempo zu bewegen. Ich bitte Christian, weiter zu laufen, da ich unbedingt kochen muss. Wiederstrebend läuft er weiter – eigentlich wollten wir beide gleichzeitig in´s Ziel – aber so ist es besser.

Gerade als ich mich dazu entschlossen habe zu kochen, kann ich deutlich eine Bärenspur im Track erkennen, die wohl unmittelbar vor mir etwas Essbares aus dem Schnee gegraben hat. Wie war das? Bären die um diese Zeit nicht schlafen, sind sehr gefährlich…. O.K. …. das Essen wird verschoben….

Als ich dann endlich das kochende Wasser in das „Travel-Lunch-Tütchen“ gieße muss ich schnell feststellen, dass auch da drin das Wasser schnell gefriert und so wird die Tüte, während ich zügig weitergehe, in meinem Anorak so einigermaßen warm gehalten. Obwohl die Nudeln noch knacken, schmeckt der „Ungarntopf mit Rindfleisch und Nudeln“ gar nicht so schlecht. Zudem weckt er meine Lebensgeister und ich kann wieder richtig Gas geben.

Nach langen Waldpassagen erreiche ich endlich den Braeburn Lake, der noch zu überqueren ist. Dann noch ein paar nervige Kurven und Schleifen, dann kommt der Truckstop von Braeburn in Sicht. Ich werde von Robert Pollhammer, dem Organisator, freudig empfangen und bin überglücklich! Mein Ziel war es, unter 40 Stunden zu bleiben, und nun dauerte das Laufabenteuer nur 29 Stunden 26 Minuten!

IMGP0133

Christian hat 15 Minuten vor mir das Ziel erreicht und gemeinsam freuen wir uns über den Gewinn der Mannschaftswertung. Der 6. Platz in der Gesamtwertung und 4. Platz der Männerwertung runden das Ergebnis ab.

Die Erinnerung geht zurück an Läufe wie den „Marathon des Sables“, der „Libyan Challenge“ und dem „Himalaya Stage Race“, aber die Schwierigkeit dieses Rennens stellt alle andere in den Schatten.

In diesem Zusammenhang vielen Dank an die Firma Solarsysteme Mittermeier für die jahrelange Unterstützung, der Orthopädieschuhmacherei Stefan Riedl für das „Feintuning“ meiner Schuhe, Adidas für die gesamte, absolut perfekte, Bekleidung und Sport Conrad für die weitere Ausrüstung!

2 Gedanken zu „Yukon Arctic Ultra 2012

  1. Konstantin (grosser Grieche)

    hallo alter hund ;-)
    sauguet deine homepage. kompliment!!! klar struktuiert und verständlich.
    auf alle fälle wünsche ich dir für den yau 2013 einen super lauf. geniesse es!! es ist unbeschreiblich ….. . auch für deine weiteren läufe nur das beste!!! sollen deine beine dich tragen wo immer das ziel sein wirdl.
    herzliche grüsse aus der schweiz
    ignatios

  2. Christian

    Servus großer Grieche !
    Vielen Dank für Deine Wünsche ! Du hast´s ja vorgemacht….dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Mir fehlt lediglich Deine und Hanspeters Begleitung ! Dann wär´s tatsächlich perfekt ! Freue mich schon auf ein Wiedersehen mit Dir ….
    Viele Grüße
    Christian

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