Libyan Challenge 2009

Libyan Challenge 2009

Es ist Nacht und stockfinster. Ich stehe ziemlich ratlos vor einem Hang aus grundlosem, feinen Sand und meine Stirnlampe leuchtet mit ihrer stärksten Einstellung einen kleinen Lichtkegel in eine schroffe Felswand, die so manchem Abbruch in den heimischen Bergen Konkurrenz machen könnte. Unsicherheit kommt auf…habe ich die Koordinaten in mein GPS falsch eingegeben? Habe ich mich verlaufen? Langsam aber sicher wird das Grummen in der Magengegend kräftiger und entwickelt sich zu einem doch recht großen und unangenehmen Felsblock. Ein Anflug von Angst, und schon beginnt der „innere Schweinehund“ freudig mit dem Schwanz zu wackeln.

Warum mache ich das?

Also – erste einmal tief durchatmen!

Ich bin Teilnehmer an einem der anspruchsvollsten Ultraläufe, die derzeit auf dem Markt zu finden sind – der Libyan-Challenge. Das Rennen über ca. 210 km (zumindest nach meinem GPS am Ende des Rennens) findet im Süden Libyens, im Grenzbereich zu Algerien und Niger im Akakus-Gebirge statt. Im Gegensatz zu dem Klassiker schlechthin, dem „Marathon des Sables“ in Marokko, handelt es sich um ein Nonstop-Rennen ohne jegliche Wegmarkierung. Lediglich GPS-Koordinaten weisen den Weg ins Ziel. Alle ca. 20 bis 25 km muss ein Checkpoint angelaufen werden, wo sich die Teilnehmer mit Wasser versorgen können. Alle anderen Nahrungsmittel und Ausrüstungsgegenstände müssen vom Teilnehmer im Rucksack mitgenommen werden. So wird vor dem Start die Pflichtausrüstung sehr genau kontrolliert. Neben Salztabletten, kalorienhaltigen Nahrungsmitteln, Stirnlampe, Ersatzbatterien, Kompass, Signalspiegel und Rettungsdecke sind natürlich auch ein Schlangenbissset sowie eine Signalrakete mitzunehmen. Das ganze zusammen ergibt dann einen recht erstaunlichen Rucksack, dessen Gewicht zum Zeitpunkt des Starts meist über 10 kg. liegt. Damit muss dann gelaufen werden.

Warum?

Bei meiner Teilnahme am „Marathon des Sables“ schwärmte mir eine Teilnehmerin von der „Libyan-Challenge“ vor. Wenn ich einmal ein „richtiges“ Wüstenrennen machen möchte, dann käme ich einfach nicht um dieses Abenteuer in Libyen herum. Im Gegensatz zum „Marathon des Sables“ mit ca. 700 Teilnehmern ist die „Libyan-Challenge“ auf 100 Teilnehmer (+ einheimische Läufer) beschränkt. Dies garantiert ein einmaliges Erlebnis mit grandiosen und einsamen Rennabschnitten. Von diesem Zeitpunkt an war ich mit dem Virus infiziert, an diesem Rennen teilzunehmen.

Zwei Jahre nach dem „Marathon des Sables“ und den damit verbundenen Wüstenerfahrungen war es nun soweit. Mit Afriquia Airways ging es von Paris nach Sheba und mit dem Bus in 11 Stunden weiter in die Wüstenstadt Ghat. Nicht nur diese Stadt, alleine die Umgebung und die Blicke in das Akakus-Gebirge entschädigten für die recht anstrengende Anreise. Ein intensives Briefing am Abend vor dem Start wies auf einige kritische Stellen hin, die absolute Aufmerksamkeit erfordern. „Na ja, so schlimm wird´s schon nicht werden…“.
Abschließend wurden die Teilnehmer noch gebeten, ihre Signalraketen möglichst erst in der Nacht abzufeuern, da sie am Tag wohl nicht gesehen werden. “Aha, und wenn der Notfall am Tag eintritt….na ja, einfach nicht weiterdenken !“

Am Morgen dann der heißersehnte Startschuss. Anfangs ist das Starterfeld noch eng zusammen, aber nach ca. 40 km sind nur noch vereinzelt Läufer zu sehen. Es geht durch landschaftlich traumhafte Gebiete, unter anderem an Felsen vorbei, wo steinzeitliche Zeichnungen zu einer kurzen Besichtigung mit Trinkpause einladen. Das Trinken läuft in einem schon routinemäßigen Ablauf ab. Alle 10 Minuten ertönt ein Signal aus der Armbanduhr und mahnt mich, ein paar Schlucke Iso, Wasser oder Magnesium zu mir zu nehmen. Ohne diesen Alarm würde man sehr leicht die dringend nötige regelmäßige Flüssigkeitsaufnahme vergessen, da die Temperatur sehr hoch, die Luft aber sehr trocken ist und man deshalb nicht schwitzt und auch keinen sehr großen Durst empfindet. Hat man einmal diesen kritischen Punkt übersehen, gibt´s kein Zurück mehr. Eine Dehydrierung hat die definitive Aufgabe des Rennens zur Folge. Also – Notraketenabschuss – aber nur bei Nacht ! Noch aber fühle ich mich wohl und trabe einsam in gleichmäßigem Tempo durch ein traumhaftes Felsenlabyrinth.

IMGP0661

Nach Sonnenuntergang freue ich mich zuerst über die nun angenehmeren Temperaturen und die Aussicht auf eine wunderschöne Nacht in der libyschen Wüste. Doch naturgemäß wird auch die Müdigkeit stärker und die Beine schwerer. Auch die Konzentrationsfähigkeit leidet und so ist die andauernd nötige Navigation mit dem GPS-Gerät alles andere als leicht. Auf einer langen Dünenstrecke sehe ich mit Erstaunen, dass weder vor mir noch hinter mir die Stirnlampe eines Teilnehmers zu erkennen ist.

Ich bin allein.

Da kein Mond zu sehen ist, ist die Nacht wirklich schwarz und nur die unmittelbare Umgebung im Kegel der Stirnlampe zu erkennen. Ein mulmiges Gefühl ist es schon, irgendwo in einer Wüste weitab der Zivilisation in der Gegend herumzurennen.

Jetzt stehe ich vor dieser blöden Felswand und kenne mich nicht mehr aus …. „Mist …. was soll ich jetzt bloß machen?“ Die Wegmarkierung auf meinem GPS läuft genau durch diese dämliche Felswand. Links und rechts davon hohe Sanddünen, die eine Umgehung erschweren. Spuren sind keine zu erkennen…. „na ja, was soll´s“. Mir bleibt nichts anderes übrig, als den Berg rechts zu umgehen und diese steile Düne raufzuwühlen. Oben angekommen kann ich keinen richtigen Weiterweg erkennen und verlasse mich nach langem Überlegen wieder auf meine Koordinaten und stapfe weiter durch den Sand.

Bin ich jetzt in der vom Veranstalter beschriebenen Gefahrenzone? Das Roadbook leistet mir keinen wirklich guten Dienst, denn meine Sorgen werden immer größer und ich habe nicht die Geduld, die entsprechenden Skizzen und Symbole zu deuten. Auch bemerke ich, dass es mir immer schwerer fällt, mich zu konzentrieren. Leichte Panik kommt auf…..

Warum mache ich das?

Ich erinnere mich an so manche Trainingsläufe zu Hause, wo man von der Wüste träumt, wie man sie gerne sehen möchte – und da gehören Situationen wie diese eigentlich nicht dazu.

Doch Extremsituationen sind dazu da, um sie zu bewältigen und nicht daran zu zerbrechen und aufzugeben.

So kommt mir eine Untersuchung in den Sinn, wo Ärzte bei Schachspielern in wichtigen Spielphasen eine Herzfreqenz bis zu 160 Schlägen pro Minute registriert haben. Unter dem Druck der nahenden Entscheidung atmeten die Spieler 25 mal pro Minute (normal 15 mal). Diese beiden Werte führten zu einer Veränderung von Stoffwechselvorgängen (zuviel Sauerstoff, zu wenig Kohlendioxyd) und beeinträchtigten das klare ruhige Denken. Deshalb traten genau in dieser Situation vermehrt Fehler auf.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf und in Anbetracht meines momentanen Pulsschlags sowie der Atemfrequenz lege ich mich auf eine Sanddüne, hole meinen MP3-Player heraus, höre Katie Meluas „Thank you, Stars“ und genieße den unglaublichen Sternenhimmel. Die Atmung wird ruhiger und das einzige was zu hören ist, ist mein sich wieder normalisierender Herzschlag.

Genau das sind die Momente, auf die ich mich eigentlich seit langem gefreut habe und erst jetzt wird mir bewusst, wie sehr ich auch genau diese Herausforderungen zwischen Mensch und Natur suche.

Mit einem „nichts auf der Welt ist kostenlos“ mache ich mich wieder auf den Weg und es geht weiter durch die Nacht. Plötzlich erkenne ich ein kleines Beduinenzelt in einer Senke. Der nächste Checkpoint ist erreicht.

Glücklich über diesen Erfolg mache ich mich weiter auf den Weg und Tag 2 bricht an. Wider Erwarten ist die Müdigkeit nicht zu extrem und ich kann im langsamen Tempo traumhaft schöne Wüstengebiete durchlaufen. Als einzigen Teilnehmer treffe ich abends Jan Bergmann aus Hannover, den ich eigentlich viel weiter vorne im Feld vermutet habe. Er hat sich jedoch in der Nacht völlig verausgabt und sich eine Stunde Schlaf gegönnt. So beschließen wir, die zweite Nacht zusammen zu laufen.

Somit waren wir in der glücklichen Situation, einige sehr heikle Stellen gemeinsam meistern zu können und auf die Erfahrung des Anderen zu bauen. Der lange und extrem steile Abstieg in einen Canyon in absoluter Dunkelheit kostet uns noch einmal viel Zeit und Nerven, ehe wir dann in klarem und einfach gegliedertem Gelände die letzten 20 Kilometer Richtung Ziel hinter uns bringen.

Nach 47 Stunden 31 Minuten und 44 Sekunden erreichen wir als beste deutschsprachige Teilnehmer das Ziel.

Warum mache ich das?

Dieses Gefühl, nach dieser langen Zeit ohne Schlaf und ohne große Pause das Ziel zu erreichen ist einfach unbeschreiblich. Die Angst, die Schmerzen und die Sorgen sind vergessen und auch die oft während des Rennens gegenwärtige Frage nach dem „Warum?“ ist vergessen. Es zählt nur das Erlebnis und die Erfahrung, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Köper. Eine tiefe Zufriedenheit und Ausgeglichenheit stellt sich ein…..

So taucht auch gleich die nächste Frage auf:

Warum…..eigentlich nicht noch ein ähnliches Rennen?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>